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2022/23 Spieltagebuch

Spieltagebuch (4): So geht Bayreuther Drittliga-Fußball!

Es ist Samstagabend um 21.10 Uhr, ich sitze auf der Couch und ich spüre immer noch die emotionalen Nachwehen dieses Torjubels in der 82. Minute. Was für ein Moment. Ich war vor dem Spielertunnel gestanden, hatte perfekte Sicht auf die Situation und bin, als zu sehen war, dass die Kugel reingeht, wie alle anderen nur noch losgerannt, mit Fäusten um mich schlagend, jubelnd, nein: schreiend.[1]Kurz bevor ich bei der Eckfahne angekommen war, habe ich realisiert, dass ich jetzt ja noch eine Stadiondurchsage machen muss. Also schnell zurück zum Spielertunnel, kurz Luft geholt und angesetzt. … Weiterlesen

Ich weiß nicht, ob ich – abgesehen vom DFB-Pokal – zu einem so frühen Zeitpunkt in der Saison schon einmal derart in Ekstase geraten bin. Es ist vollbracht! Die Altstadt hat aus dem Spiel getroffen. Und gewonnen! Der Fehlstart ist verhindert, der TV-Fluch besiegt und wir sind in der 3. Liga angekommen.

Ein geiler Tag, ein geiles Spiel, ein geiles Ergebnis. Jetzt kann’s so richtig losgehen!

Das Spiel in aller Kürze

In meinen Augen war der Sieg durchaus verdient.[2]Interessant, dass der NDR-Kommentator beim Tor sagte: „Natürlich unverdient.“ Das ist schon etwas realitätsfern. Ich denke, der Klassiker passt hier ganz gut: glücklich, aber nicht … Weiterlesen Wir hatten bis auf zwei, vielleicht drei Situationen sehr gut im Griff und haben schon in der ersten Hälfte einige Nadelstiche setzen können. Oder eigentlich mehr: Wir müssen einen Elfmeter bekommen[3]Vielleicht schreibe ich die Tage noch was dazu. Aber es ist schon auffällig: In den ersten vier Spielen werden drei potentielle Elfmeter-Situationen gegen uns entschieden. In Ingolstadt war es für … Weiterlesen, unmittelbar darauf wird ein Ball von Felix Weber von der Linie geklärt. Dazu kam noch ein gefährlicher Abschluss von Eddy Schwarz.

In der zweiten Hälfte wurde die Partie etwas zäh, was aber natürlich eher zu unserem Matchplan passte. Sebastian Kolbe hält uns mit einem super Reflex im Spiel (überhaupt ist er überragend in die Saison gestartet), ehe eine tolle Kombination das goldene Tor bringt. Torschütze war – es hätte nicht besser passen können – Alexander Nollenberger, der sich in den ersten Spielen aufgerieben hat, im Abschluss aber .. glücklos war. Nolle, das Ding hast du dir verdient!

Danach jubeln, bangen, hoffen – und vor allem durchatmen nach Robert Tesches Pfostenknaller. Nach dem Schlusspfiff dann nur noch feiern – der erste Sieg in der 3. Liga ist da!

Drei Gedanken zum Spiel

Egal, was die anderen sagen: Das war der Fußball, den wir für die 3. Liga brauchen!

Wie nach praktisch jedem Sieg habe ich mal die Kommentar-Spalten auf Facebook gecheckt oder auch ins Fan-Forum des Gegners geschaut, um mich noch ein wenig im Erfolg zu suhlen. Und was lese ich da? Mancher kommentiert doch tatsächlich unter dem Altstadt-Post zum Sieg, dass das „über weite Strecken schwere Kost“ oder auch „zäh“[4]Ich weiß, dass ich das Wort weiter oben selbst benutzt habe. Aber für mich war das positiv. war. Im Osnabrücker Treffpunkt kamen wir auch nicht gut weg, von wegen „Landesliga-Niveau“, „schwächster Aufsteiger“, „holen 10 Punkte, 6 davon gegen uns“.[5]Dass sie uns dort so schlecht reden, liegt aber auch daran, dass die meisten dort schon nach dem vierten Spiel den Kopf des Trainers und des Sportdirektors fordern. Und beim Tor sahen einige einen … Weiterlesen

Was ich gesehen habe? Eine Mannschaft die – klar, wie sollte es als Aufsteiger anders sein – zunächst mal defensiv gut stehen will und das auch schafft; die sicherlich nicht Chance um Chance herausspielt, aber genügend, um ein Spiel zu gewinnen; die sich mit Leidenschaft in jeden Zweikampf wirft. Das sind übrigens genau die Dinge, die ich mir im Vorfeld gewünscht hatte.

Das war der Fußball, den wir in Bayreuth spielen müssen, um uns in der 3. Liga zu behaupten. So haben wir schon in Ingolstadt und gegen Freiburg sehr erfolgreich mithalten können (nur haben da die Tore gefehlt) und so haben wir heute gegen einen Gegner gewonnen, den man durchaus zum Favoritenkreis auf den Aufstieg zählen kann.

Da geht’s nicht drum, die Zuschauer mit möglichst vielen Kabinettstückchen zu verzücken oder den Gegner an die Wand zu spielen, so wie vergangene Saison. Und selbst wenn die gegnerischen Fans uns danach als die schlechteste Mannschaft der Liga bezeichnen oder der eine oder andere Altstadt-Fan das Spiel „zäh“ fand – solange unsere Jungs alles reinhauen und wir bestenfalls sogar noch ein Tor mehr schießen als der Gegner, bin ich hochzufrieden!

Unser Kollektiv ist drittligatauglich!

Zunächst mal Kompliment an Trainer Thomas Kleine. In einem so wichtigen Spiel – bei vier Niederlagen zum Start wäre auch ich unruhig geworden, andere hätten vermutlich schon den Untergang des Vereins heraufbeschworen – einen Debütanten (Tim Latteier) und einen bisherigen Joker (Tobias Stockinger) von Beginn an zu bringen, das erfordert schon Mut. Und esderhat sich ausgezahlt: Schon in der ersten Hälfte hatten wir gerade über die beiden erfrischende Aktionen, dazu kam der omnipräsente Stefan Maderer, der auch in der 3. Liga mit seiner Taktik, einfach immer zwei Sekunden früher abzuspringen und dann in der Luft zu stehen, gefühlt jeden langen Ball bekommt.[6]Als Made Mitte der ersten Hälfte länger behandelt werden musste, bekam ich schon einen Schock. Ging aber ja zum Glück gut aus.

In der zweiten Hälfte kommen dann Christoph Fenninger, der den Ball ähnlich gut behaupten konnte wie Maderer[7]Ich hatte fast schon vergessen, was für ein Kämpfer Fenni ist und Eroll Zejnullahu, die gemeinsam mit Latteier das 1:0 mustergültig vorbereiteten. Überhaupt Eroll: Der hat gestern mehr als nur angedeutet, wie er uns helfen kann. Da waren zwei, drei richtig gute Aktionen dabei, die wir brauchen, um einen Gegner auch mal zu überraschen – darunter natürlich auch der perfekt getimte Steckpass auf Nolle.

Ein Sonderlob geht an die Defensive, die ausnahmslos einen überragenden Job gemacht hat. In vier von fünf Pflichtspielen gegen ausnahmslos individuell besser besetzte Gegner haben wir höchstens ein Tor (nach 90 Minuten) kassiert. Das zeigt schon: Die Abwehr ist nicht unser Problem.

Denken wir mal drei Tage zurück: Nach dem 1:4 in Wiesbaden wurde der Mannschaft von manchem durchweg die Tauglichkeit für Liga 3 abgesprochen. Ja, wahrscheinlich würden die allermeisten unserer Spieler bei einem Aufstiegsaspiranten nicht starten. Deshalb müssen wir über das Kollektiv kommen. Und das ist drittligatauglich, das haben wir gestern gesehen!

Der TV-Fluch ist endlich gebrochen

Ich hatte es ja schon in der Vorschau geschrieben. Wenn die Altstadt live im TV zu sehen war, ging das immer und ausnahmslos in die Hose.

Nun ist es natürlich etwas übertrieben, dass die reine Präsenz im Free TV dafür sorgen würde, dass unsere Spieler sich in die Hose machen und keinen geraden Pass mehr spielen können. Aber irgendwie mutete es schon seltsam an, dass wir alle Spiele verloren haben, bei denen mehr als zwei Kameras im Stadion aufgestellt waren.

Damit ist jetzt endlich Schluss. Die Zuschauer im BR und im NDR haben gesehen, dass wir in Bayreuth Spiele gewinnen können.

Danke, Jungs! Ich freue mich schon auf die nächste Übertragung.

Stimmungsbarometer

+2 (zuletzt -2)[8]Hier geht’s zur Erläuterung des Stimmungsbarometers

Ich glaube, ich sehe die Dinge immer relativ nüchtern. Aber nach dem Wiesbaden-Spiel war mir auch sehr mulmig zumute. Was, wenn wir auch noch gegen Osnabrück verlieren? Dann sind wir auf dem besten Weg in Richtung Havelse.

Ordentlich spielen, unglücklich verlieren, direkt mal einige Niederlagen sammeln, durch ein paar Siege wieder rankommen, am Ende aber doch sang- und klanglos absteigen: Solche Schicksale gab’s schon genug, egal ob in der Bundesliga, 3. Liga oder Kreisklasse.

Durch das Spiel sehen wir aber: Wir sind nicht nur konkurrenzfähig, wir können auch gewinnen. Und, auch wenn das zum aktuellen Zeitpunkt natürlich null Aussagekraft hat: Es gibt nach diesem Spieltag mindestens vier Mannschaften, die weniger Punkte haben als wir. Psychologisch gibt das Spiel der Mannschaft hoffentlich einen ordentlichen Schub.

Was man aber natürlich auch nicht vergessen darf: Wir sind gestern an die Grenzen gegangen. So etwas kannst du nicht über 38 Spieltage durchziehen. Spannend wird sein, wie sich die Mannschaft präsentiert gegen Mannschaften auf Augenhöhe (und keinen der bisherigen vier Gegner würde ich als solchen bezeichnen, mit Abstrichen höchstens Freiburg II).

Deshalb werden die nächsten beiden Spiele in Zwickau (0:5 in Elversberg) und Essen (erst ein Punkt aus fünf Spielen) auch besonders spannend. Wir werden da den Klassenerhalt nicht verspielen, gleichzeitig könnten wir mit zum Beispiel vier Punkten aus den beiden Partien ein kleines Ausrufezeichen im Abstiegskampf setzen.[9]Eigentlich sollte man dieses Rechnen direkt lassen. Aber ich kann nicht anders. Zwickau wird, gerade wegen deren 0:5-Pleite in Elversberg, sauschwer. Dann könnte man sogar von einem guten Saisonstart sprechen.

Wer hätte das am Mittwochabend gedacht?

Zum Schluss noch ein Gruß an meinen Kumpel Malik Scherz aus dem Medienteam beim VfL Osnabrück. Es war mir eine Ehre, ich freue mich aufs Rückspiel![10]Ich arbeite seit mittlerweile zwei Jahren mit Osnabrück zusammen – Malik nutzt mit seinem Team ein von mir entwickeltes Tool für die Erstellung von Social-Media-Grafiken. Dass wir mal in … Weiterlesen

Fußnoten

Fußnoten
1 Kurz bevor ich bei der Eckfahne angekommen war, habe ich realisiert, dass ich jetzt ja noch eine Stadiondurchsage machen muss. Also schnell zurück zum Spielertunnel, kurz Luft geholt und angesetzt. TOOOOOOOR FÜR DIE … OLD SCHDOD!
2 Interessant, dass der NDR-Kommentator beim Tor sagte: „Natürlich unverdient.“ Das ist schon etwas realitätsfern. Ich denke, der Klassiker passt hier ganz gut: glücklich, aber nicht unverdient!
3 Vielleicht schreibe ich die Tage noch was dazu. Aber es ist schon auffällig: In den ersten vier Spielen werden drei potentielle Elfmeter-Situationen gegen uns entschieden. In Ingolstadt war es für mich ein Vielleicht-Elfmeter, gegen Freiburg dann ein Kann-Elfmeter, am Samstag aber definitiv ein Muss-Elfmeter. Das ist schon auffällig!
4 Ich weiß, dass ich das Wort weiter oben selbst benutzt habe. Aber für mich war das positiv.
5 Dass sie uns dort so schlecht reden, liegt aber auch daran, dass die meisten dort schon nach dem vierten Spiel den Kopf des Trainers und des Sportdirektors fordern. Und beim Tor sahen einige einen Torwartfehler. Das sagt alles aus.
6 Als Made Mitte der ersten Hälfte länger behandelt werden musste, bekam ich schon einen Schock. Ging aber ja zum Glück gut aus.
7 Ich hatte fast schon vergessen, was für ein Kämpfer Fenni ist
8 Hier geht’s zur Erläuterung des Stimmungsbarometers
9 Eigentlich sollte man dieses Rechnen direkt lassen. Aber ich kann nicht anders. Zwickau wird, gerade wegen deren 0:5-Pleite in Elversberg, sauschwer.
10 Ich arbeite seit mittlerweile zwei Jahren mit Osnabrück zusammen – Malik nutzt mit seinem Team ein von mir entwickeltes Tool für die Erstellung von Social-Media-Grafiken. Dass wir mal in einem Ligaspiel aufeinandertreffen, hätte ich zum Start der Kooperation niemals für möglich gehalten.

Eine Antwort auf „Spieltagebuch (4): So geht Bayreuther Drittliga-Fußball!“

Weil u.a. von der Altstadt als einer Thekenmannschaft die Rede war, woran machen die Osnabrücker Fans das fest? An der defensiven Spielweise? Muss man als Aufsteiger, der noch keinen Punkt geholt hat, 65% Ballbesitz haben? Ich glauben für Osnabrück bzw. einige deren Fans wäre am besten, wenn dieser Demut von Aue weiterwechselt nach Osnabrück. In Aue ist er ja aussortiert worden

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