Kategorien
2022/23 Spieltagebuch

Spieltagebuch (14): Gemischte Gefühle (mit Bildern)

1:0 gegen die Löwen – und das nicht mal unverdient! Dazu 12.000 Zuschauer im ausverkauften Hans-Walter-Wild-Stadion.[1]Randnotiz: Es gab in der Bayreuther Fußballhistorie nur acht Pflichtspiele mit mehr Zuschauern – fünf davon haben wir gewonnen. In dem Sinne war der Sieg gegen 1860 also schon mal historisch. Eigentlich der Wahnsinn! Und was sich in den letzten Minuten im Stadion abgespielt hat, war einfach nur Gänsehaut – dazu gleich noch mehr.

Bei mir persönlich ist aber eben nicht nur Jubel, Trubel, Heiterkeit. Es klingt absurd und ist es irgendwie auch, aber ich hatte mich auf dieses Spiel gegen 1860 nur so halb gefreut – nicht weil ich gedacht habe, dass wir untergehen würden, sondern weil ich im Gegenteil diese Vorahnung hatte, dass wir für eine Überraschung sorgen würden[2]Wer mir das nicht abnimmt, der verweise ich auf den Eintrag nach dem Halle-Spiel., ich mich darüber nach diesem 0:3 in Halle am Montag, das meine Stimmung in den Keller hat fallen lassen, aber nur bedingt freuen kann. Und tatsächlich kam es dann so.

Das soll aber natürlich nicht die Leistung der Mannschaft und des Trainerteams schmälern, die dem Tabellenzweiten Paroli geboten und sich die drei Punkte redlich verdient haben. Für sich alleine war das Spiel eine 90-minütige Ekstase, für die wir vor wenigen Jahren noch alles gegeben haben. Im Kontext dieser Saison waren es drei Punkte, die wir schon in einem der beiden vorherigen Spiele hätten holen müssen und nun zum Glück auf dem Konto haben. Aber es war auch ein Spiel, in dem wir es wieder einmal nicht geschafft haben, diese Murmel ein zweites Mal über die Linie zu drücken.

Boah, ich kotz mich gerade selber an. Kann ich denn nach einem 1:0 gegen Sechzig vor 12.000 Zuschauern dieses negative Geschreibsel nicht lassen und mich einfach nur freuen? Scheiß doch auf das zweite Tor, Hauptsache wir haben gewonnen! Und außerdem: Die Jungs haben (wieder einmal) gezeigt, dass sie in der 3. Liga nicht fehl am Platze sind.

Und doch: Hätten wir endlich mal dieses 2:0 gemacht, ich glaube, das hätte in den Köpfen einige Knoten gelöst. Vielleicht gibt aber auch allein der Sieg gegen ein Spitzenteam einen Push?[3]Ihr merkt schon: Ich bin hin- und hergerissen. Besser wird’s heute nimmer – deshalb schnell weg vom allgemeinem Vorgeplänkel hin zu den etwas geordneteren Gedanken.

Das Spiel in aller Kürze

Ein Spiel mit Pokalcharakter – dieses Mal mit dem besseren Ende für uns, weil uns die Luft nicht ausging

Von der ersten Minute an hat man ahnen können, dass das heute ein guter Tag werden könnte. Mitte der ersten Hälfte war ich schon am Verzweifeln, denn die besseren Chancen hatten wir – doch wir nutzten sie einfach nicht. Erlösend war dann das 1:0 durch George, das einem schönen Konter entsprang und mustergültig durch Nollenberger aufgelegt wurde. Verdiente Pausenführung!

Erwartungsgemäß wurde der Druck der Löwen im zweiten Durchgang von Minute zu Minute höher, das Spiel wurde immer mehr zur Abwehrschlacht. So um die 70. Minute herum befürchtete ich, dass jetzt der übliche Kräfteschwund einsetzen würde, denn die einfachen Abspielfehler häuften sich und wir konnten kaum noch für Entlastung sorgen. Pokalfeeling im Hans-Walter-Wild-Stadion!

Dieses Mal aber hielten wir die Null – was auch daran lag, dass wir ab der 80. Minute auch offensiv immer wieder in Erscheinung traten. Klar, die Sechzger hatten zwei, drei gute Chancen auf den Ausgleich. Wir hätten das Spiel aber auch entscheiden können, wenn nicht sogar müssen. Und so bekam am Ende auch unser dritter Saisonsieg das Prädikat: glücklich, aber nicht unverdient!

Drei Gedanken zum Spiel

War das der größte Roar in der Geschichte des Hans-Walter-Wild-Stadions?

Es dürfte so um die 85. Minute gewesen sein. Ich stehe neben Christian Höreth vor dem Biest, als unsere Mannschaft den Ball erobert und Alexander Nollenberger die linke Seite entlang marschiert in Richtung Löwentor. Die Anspannung, die sich während des Münchner Drucks in der vorangegangenen Situation auf dem Biest angesammelt hat, entlädt sich in einem ohrenbetäubenden ROOOOARRRR. Wir hatten in den vergangenen Monaten und Jahren ja viele Highlights im Stadion[4]Eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, wie wenig wir in den vorherigen Jahren und Jahrzehnten zu feiern hatten, wie sich nun Highlight an Highlight hängt. Nicht zu vergessen: Das kommende … Weiterlesen, aber ich bin mir nicht sicher, ob es schon mal in einer „normalen“ Spielsituation so lange so laut war.

Auch wenn wir natürlich rein zahlenmäßig bei weitem nicht mithalten können mit den anderen Klubs im Profi-Fußball – spätestens seit Samstag glaube ich, dass die Atmosphäre im Hans-Walter-Wild-Stadion schon eine ganz besondere ist. Die Kurve auf der Gegengerade gibt es eben so nur noch bei uns.[5]Und in Oldenburg, meine ich – allerdings nicht überdacht.

Vergessen darf man da aber natürlich auch nicht, dass von den 12.000 Zuschauern sicherlich die Hälfte aus München war. Die Stimmung im Stadion war insgesamt einfach bombastisch – jeder hat seinen Teil dazu beigetragen.

Gegen Sechzig lief fast alles für uns

Am Samstag kamen einige Dinge zusammen: Unsere Jungs waren durch die Bank gut drin im Spiel, es ist – im Gegensatz zu den meisten anderen Spielen – keiner abgefallen. Im Gegenteil: Man hatte den Eindruck, dass alle Spieler am Limit spielen. Hervorheben kann man die beiden Youngster Nico Moos und Tobias Stockinger sowie natürlich Sebastian Kolbe, der zum dritten Mal in dieser Saison die Null hielt – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn wenn er keinen Sahnetag erwischt hätte, dann hätten wir das Spiel nicht gewonnen.[6]Die beste Szene war, als er den (zugegebenermaßen viel zu flachen) Heber des Ex-Schweinfurters Skenderovic mit einer Pranke einfach aus der Luft fing.

Gleichzeitig hatte Sechzig natürlich nicht den besten Tag erwischt. Zum ersten Mal blieben die Löwen in der Saison ohne eigenes Tor, obwohl die Chancen da waren. Hinten boten sie uns Räume an, die wir auch gut genutzt haben.

Fazit: Ein überragender Tag für uns, ein nicht so guter Tag für den Gegner. So haben wir unser drittes Saisonspiel gewonnen.

Nur mit 1:0-Siegen werden wir die Liga nicht halten

Und damit kommen wir zum Problem, das ich am Samstag nicht ausblenden konnte und auch in der Nachbetrachtung nicht aussparen kann. Schon gegen Osnabrück und gegen Meppen haben wir die Spiele nicht unbedingt deshalb gewonnen, weil wir einen super Tag erwischt haben. Wir hätten beide Spiele nicht gewonnen, hätte der Gegner nur eine seiner (in allen Spielen vorhandenen) Chancen genutzt.[7]Gleichzeitig hätten wir aber natürlich auch mehr Spiele gewinnen können, hätten wir ein Tor (mehr) geschossen. Gleicht sich dann doch immer wieder aus. So war es gegen München auch, einzig mit dem Unterschied, dass es dieses Mal ein echtes Spitzenteam war.

Vielleicht setzt genau das aber nun Kräfte frei in unserer Mannschaft. Denn klar ist: Wenn es so weiter läuft, also wir nur gewinnen, wenn der Gegner Ladehemmung hat, dann werden wir vielleicht noch fünf, sechs Spiele gewinnen, ein paar Unentschieden holen und dann mit respektablen 35 Punkten absteigen. Schön war’s, aber jetzt geht’s geht’s wieder nach Pipinsried, Hankofen, Rain.

Nach dem Sieg gegen 1860 ist die Hoffnung aber wieder da, dass es nicht so kommt. Der Knoten ist nicht geplatzt, aber der Druck steigt – im positiven Sinn!

Stimmungsbarometer

6 (zuletzt -9) ((Hier geht’s zur Erläuterung des Stimmungsbarometers

Für sich genommen, war das Spiel gegen die Löwen ein Highlight, das wir alle nicht so schnell vergessen werden. In meinem Kopf klingen aber noch die bitteren Erlebnisse gegen Verl, vor allem aber in Halle nach.

Die Hoffnung lebt, dass das Trainerteam die Leistung gegen 1860 verstetigen kann, offensiv wie defensiv. Denn eins muss man sagen, bei allem antrainierten Zweckpessimismus: Wir haben mittlerweile Struktur in der Offensive; mit Nolle einen Spieler, den wohl jeder Drittligist gerne in seinen Reihen hätte; mit Jann jemanden, der die Bälle richtig gut fest machen kann; mit Eroll einen nicht zu unterschätzenden Antreiber und auch immer wieder einen oder zwei Spieler, die über sich hinauswachsen (am Samstag zum Beispiel Stockinger).

Aber es gibt halt trotzdem noch drei Dinge, die wir verbessern müssen: Erstens ist unsere Chancenauswertung noch zu schlecht. Zweitens müssen wir mehr Tore aus unseren Möglichkeiten machen. Und drittens brauchen wir endlich mal mehr als ein Tor.[8]Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass die drei Wünsche eigentlich identisch sind. Wir haben ja eigentlich nur ein Problem in der Offensive, blöderweise ist das aber ein großes.

Schließen wir mit einem positiven Gedanken: In Duisburg platzt der Knoten. Wir bekommen ein Gegentor. Wir gleichen aus. Und wir schießen endlich, endlich, endlich das zweite Tor.

Und gewinnen ein zweites Mal hintereinander. Hach, wär des schee!

Fußnoten

Fußnoten
1 Randnotiz: Es gab in der Bayreuther Fußballhistorie nur acht Pflichtspiele mit mehr Zuschauern – fünf davon haben wir gewonnen. In dem Sinne war der Sieg gegen 1860 also schon mal historisch.
2 Wer mir das nicht abnimmt, der verweise ich auf den Eintrag nach dem Halle-Spiel.
3 Ihr merkt schon: Ich bin hin- und hergerissen. Besser wird’s heute nimmer – deshalb schnell weg vom allgemeinem Vorgeplänkel hin zu den etwas geordneteren Gedanken.
4 Eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, wie wenig wir in den vorherigen Jahren und Jahrzehnten zu feiern hatten, wie sich nun Highlight an Highlight hängt. Nicht zu vergessen: Das kommende Heimspiel ist das erste Flutlicht-Heimspiel in der Geschichte des Bayreuther Profi-Fußballs!
5 Und in Oldenburg, meine ich – allerdings nicht überdacht.
6 Die beste Szene war, als er den (zugegebenermaßen viel zu flachen) Heber des Ex-Schweinfurters Skenderovic mit einer Pranke einfach aus der Luft fing.
7 Gleichzeitig hätten wir aber natürlich auch mehr Spiele gewinnen können, hätten wir ein Tor (mehr) geschossen. Gleicht sich dann doch immer wieder aus.
8 Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass die drei Wünsche eigentlich identisch sind. Wir haben ja eigentlich nur ein Problem in der Offensive, blöderweise ist das aber ein großes.

7 Antworten auf „Spieltagebuch (14): Gemischte Gefühle (mit Bildern)“

Super, überragend geschrieben??Man hat nach diesem Spiel endlich den Eindruck, wie es gehen könnte, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt tatsächlich einzufahren…. Denn wer gg 60 besteht, kann das auch gg andere…

Wir gehen in Führung. In allen Spielen, in denen wir in Führung gegangen sind, haben wir nicht verloren. Osnabrück, Essen, Meppen, 1860!

Ich muss mich korrigieren. Wir haben tatsächlich ein Spiel verloren, in dem wir in Führung gegangen sind, Mannheim!

Hallo Peter,
tolle Gedanken. Super zu lesen. Schreibst mir aus der Seele.
Das Abfangen des Balles von Kolbe mit einer Pranke – sensationell, hab so was noch nie gesehen, zumal der Ball ja schon einiges an Geschwindigkeit hatte.

Kannst du mir vielleicht noch Infos zur Fußnote 1 geben? 8 Mal gab es mehr Zuschauer in einem Pflichtspiel?

Kann mich gegen Nürnberg beim 3:1 in den 70ern erinnern. 15 000
War beim 1:0 gegen den Club beim späten Tor von Breuer dabei. 14 000
Bayern München, Pokal 80. 18 000
Gegen 60, 87 Bayernligameisterschaft. Offiziell 17 685
Gegen Uerdingen, ca. 22 000
Diese Saison, HSV, knapp 15 000

Waren die restlichen 2 Spiele, wo mehr als 12 000 Besucher da waren, auch gegen Nürnberg? Kann nur so sein.

Thanks for answer.

Hab jetzt selber recherchiert. Sorry Peter.
Natürlich gegen den Club. Bei einem 3:4 und einem 1:1 waren auch über 12 000 Zuschauer in der 2. Liga Süd.

Kommentare sind geschlossen.